Zum Tod von Paolo Piva – Ein Nachruf von Ike Lommel

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„Schau! Diese Motoryacht da vorne. Eigentlich sie sieht aus wie eine Bügeleisen.“
Sein verschmitzter Blick lachte, für ihn war jeder Maßstab beliebig. Ob 100:1 oder 1:1, oder 1:100, er switchte problemlos zwischen ihnen hin und her. Ein Scharnier konnte wie ein Tisch aussehen, oder ein Möbel wie ein feinmechanisches Werkzeug.
Das war sein Credo welches er mit Leidenschaft und Talent umsetzte, fühlte lebte, sah: Das große Design in das Kleine bringen und das Große bis ins Kleinste gestalten, minimalistisch, schlicht und elegant. Paolo Piva hatte ein außergewöhnliches Gespür für gute Formen, klare Linienführung, Materialkombinationen und für Proportionen. In seinen unendlich vielen zeitlosen Möbelentwürfen spiegelt sich das wieder.

In der Serie Aland, 1980 ist der Glastisch gleichermaßen zum Klassiker geworden wie das gleichnamige Sofa, dann das Sofa DS 106, 1983, oder die Stuhlfamilie Armada, 1983, die Stahlmöbel Serie Remer, als Vitrine, Tisch und Regal in 1986, ebenso Stahlstühle Arco, 1989, das Bett Adia mit drehbaren Rückenlehnen und das klappbare Schrankmöbel Io, eine überdimensionale raffinierte Ankleide die sich auf die Hälfte reduziert, wenn man sie zuklappt. In der Küche Quinta für Dada 1986, griff er damals die kubische reduzierte Schlichtheit voraus, pointierte sie mit eleganten Materialien wie Messing Nieten und grünem mattierten Glas.

Die Liste lässt sich bis heute fortsetzen, aus der fruchtbaren Zusammenarbeit mit Möbelherstellern wie De Sede, B&B Italia, Poliform, Dada, Varenna, Caimi, Wittmann entstanden Freundschaften.

Er schuf Klassiker und Klassiker. Schlichte Formen an denen man sich nicht satt sieht und nicht satt nutzt.
Paolo Piva umgab sich mit Design und Prototypen, er modellierte aus schönen haptischen Materialien die ihnen entsprechenden Formen heraus, er reduzierte, zeichnete, und skizzierte, er liebte das Entwerfen und Gestalten, das Verwandeln und Entpuppen, das stetig aus seinen Händen floss.

Seine Kreativität stellte Grenzen in Frage und überschritt sie, liess sich nicht einzwängen. Er durchbrach das Gewohnte, dachte um die Ecke oder auch genau geradeaus, stapelte Steine auf Löcher, schuf neue Strukturen, stellte es auf den Kopf und verdrehte Altes um Ästhetisches sichtbar zu machen, so beispielsweise das Dach des Altars für den Papstbesuch 1989 in Oropa.

Die großartige Architektur die er realisierte ist von allen diesen seinen Qualitäten geprägt, trägt seine Handschrift von außen bis innen, vom Genius loci bis zur ortstypischen Manufaktur, vom Material bis zur eingesetzten Nutzung, von der Oberfläche bis zur Anordnung.
Kommend und aufgewachsen in Adria, studierte er in Venedig Architektur als Schüler von Scarpa und Tafuri, beschäftigte sich in seinem Abschluss mit dem roten sozialistischen Wien. Er lebte und arbeitete in Biella im Piemont, in Mailand mit verschiedenen Möbelfirmen und in Venedig, später in Wien.

Hier in Wien wurde er 1991 an die Universität für Angewandte Kunst für als Professor berufen und gab den Studenten als erstes die Aufgabe einen Grabstein für einen guten Freund zu entwerfen. Skurril, herausfordernd.
Umtriebig war er, er schuf und entwarf nicht nur Möbel, sondern auch Privatbauten, Villen, Shops, Cafés, Restaurants, Showrooms, unterschiedlichste Gewerbe Gebäude, Wohnungen, Studios, Büros, Palazzi, Ferienhäuser, Bühnen, Messestände. Auch in der Architektur wieder vom Großen bis ins Kleine, mit seinem unnachahmlichen Gespür liess er Räume Ineinanderfließen, ein geschmeidiges von A nach X und von außen nach innen.

Er war unprätentiöser Entwerfer, ein herzlicher Großfamilien Mensch, war zur Abwechslung auf Reisen, teilte mit Freude die Zeit mit Freunden, schöpfte Kraft aus seiner Statik und Bewegung.

Viel zu früh ist Paolo Piva am 06.07.2017 in Wien mit 67 Jahren gestorben.

Ein Nachruf von Ulrike Lommel

 

Weblinks:
Der Standard zum Tode Paolo Pivas
Wikipedia

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